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Das Gondenbretter Beinhaus


Beinhaus

 

Kaum war der Mörtel am Mauerwerk für das wiedererrichtete Beinhaus in Gondenbrett abgetrocknet, da meldete sich auch schon aus Stuttgart Prof. Dr. Hermann Ehmer und bat leihweise um Übersendung eines Exemplars „Geschichte der Prümer Abtei“ (im Jahre 1623 verfasst von Pater Servatius Otler, Mönch der Prümer Salvatorabtei, herausgegeben und übersetzt von Aloys Finken, Veröffentlichung des Geschichtsvereins Prümer Land, Band 57, Prüm 2008.)
 
Professor Ehmer wollte wissen, was Otler Anfang des 17. Jahrhunderts über den „Gondenbretter Krieg“ festgehalten hatte, auf den er im Zusammenhang mit seinen Studien zu Albrecht Graf von Löwenstein gestoßen war. Der Verfasser dieses Beitrags übersandte die soeben erschienene Chronik und dämpfte die Erwartungen des Gelehrten, denn der Absatz in Otlers Aufzeichnung fällt reichlich kurz aus:

 

„Das einfache ländliche Volk versuchte 1572 unüberlegt sein Kriegsglück mit fatalen Folgen. Die Truppen des Grafen Löwenstein ließen bei ihrem Durchmarsch alle Menschlichkeit vermissen. Deshalb stellten sich ihnen Männer der Gegend zwischen (Ober-) Mehlen und Gondenbrett in den Weg und legten ihnen einen Hinterhalt. Weil aber unsere Prümer – wie das bei Nichtsoldaten üblich ist – aus ihren geschützten ursprünglichen Stellungen allzu stürmisch gegen die kampfbereiten Reiter in das von Bergen umgebene Tal herabstürmten, ein Gelände, das ihnen nur Nachteile bot, den Feind aber begünstigte, gerieten sie gleich zu Beginn des Kampfes in Verwirrung, ließen sich zusammendrängen, flohen dann kopflos und wurden auf der Flucht abgeschlachtet. Die Soldaten verfolgten die Bauern besonders hitzig und blutdurstig, weil sie sahen, wie leichtfertig sich diese Ahnungslosen in den Kampf gestürzt hatten. Fast hundert Menschen wurden wie Schafe abgeschlachtet. Die Soldaten brachten aber nicht nur bewaffnete Männer um, sondern auch vorwitzige Zuschauer. Einige von diesen hatten sich im Beinhaus auf dem Gondenbretter Friedhof versteckt, um dem grausamen Gemetzel zu entgehen. Als vagabundierende Soldaten sie entdeckten, nahmen sie weder Rücksicht auf den Ort, noch auf die am Kampf Unbeteiligten, sondern mordeten alle dort. Schließlich sammelten sich die entkommenen Bauern wieder und beobachteten von sicherem Standort aus das Kommen und Gehen der Feinde, damit diese nichts Schlimmes mehr anrichten konnten. Die Soldaten dadurch ganz gehörig in Angst geraten, verharrten in Kampfbereitschaft. Im Morgengrauen verließen sie schleunigst, wenn auch als Sieger mit magerer Beute das Abteigebiet. Durch Schaden klug geworden, hatten unsere Abteileute gelernt, dem Feind nicht in offenem Gelände entgegenzutreten, sondern, versteckt auf Hügeln und in Wäldern, seine Angriffslust zu stoppen und ihm so eine Nase zu drehen.“ Soweit Servatius Otler im Kapitel 249 seiner Chronik, die insoweit authentisch ist, als dass der Chronist Anfang des 17. Jahrhunderts noch Zeitzeugen aus dem Mehlental befragen konnte.

 

Wenig später schickte Professor Ehmer einen Sonderdruck aus der „Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte“, 72. Jahrgang aus dem Jahre 2013 mit den Seiten 153 bis 226 zu, der den Titel trägt: „Graf Albrecht von Löwenstein (1536 bis 1587), Jerusalempilger und Kriegsunternehmer, Diplomat und Beamter“ von Hermann Ehmer. Eine vorzügliche Lektüre über die einzelnen Stationen des Lebens und Wirkens jenes Grafen dessen Soldaten 1572 das schauerliche Blutbad im Mehlental anrichteten. Ehmer räumt in seiner Schrift schleunigst mit dem Märchen auf, dass die Söldnerheere Philips II. von Spanien unter Graf Albrechts Führung durch die Eifel gezogen wären, wie in der „Eiflia Illustrata“ 3. Band, 2. Abteilung, 1. Abschnitt, Seite 299, von Georg Bärsch aus dem Jahre 1854 noch der Eindruck vermittelt wird. Zweifellos warb Albrecht Graf Löwenstein als geschäftstüchtiger „Kriegsunternehmer“, wie Ehmer es so treffend ausdrückt, Truppen für Philipp II. an, die in den Niederlanden gegen Wilhelm von Oranien kämpften, um dieses Land in einem über 40 Jahre währenden Krieg für den Katholizismus zurück zu gewinnen. Erfolglos, wie wir heute wissen. Ob Albrecht jedoch jemals erfuhr, auf welche Weise sich seine Soldaten bis in die Niederlande durchschlugen, ist mehr als fraglich. Der Graf muss ein erfolgreicher Geschäftsmann und ein kluger Schöngeist gewesen sein, der selbst seine Reise nach Jerusalem literarisch aufarbeitete und eine auch heute noch lesenswerte Reisebeschreibung hinterließ. Das Schicksal seiner Söldner und derer, die unter ihnen zu leiden hatten, entzog sich offenbar seinem Gesichtskreis. Nicht aber den Menschen im Mehlental:
 
In Gondenbrett unterhalb des Friedhofs gab es einen Kartoffelkeller, so meinten die Dorfbewohner, in dem vor dem Neubau der Pfarrkirche St. Dionysius Mitte des 19. Jahrhunderts die Knochen der Verstorbenen noch eine Weile gesammelt wurden, weil der Friedhof um die alte Kirche herum dort zu klein war und keinen Platz mehr bot für neue Gräber. Mit dem Abriss dieser Kirche 1837 auf dem hoch oben gelegenen Friedhof änderte sich das. Das Beinhaus wurde nicht mehr benötigt und Nachbarn nutzten es als Runkelrüben- und Kartoffelkeller. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der schmale Weg zum Friedhof erbreitert und der „Keller“ einfach weggebaggert. Man sah nur noch ein paar Mauerreste, die um 2010 dazu führten, dass Ausgrabungen gemacht wurden, bis Reste des alten Gewölbes zum Vorschein kamen. In freiwilliger Arbeit (Peter Enders, Maurer,) kam es zu einer Teilrestaurierung, die den Blick auf die hintere Wand des ehemaligen Beinhauses freigibt und heute mit einem Kunstwerk von Sebastian Langner, Wittlich, einen würdigen Anblick bietet. Eine Inschrift daran lautet:

 

„Die Decke der Zivilisation ist eine dünne Haut, die jederzeit zerreißen kann!“

 

(Freud/Einstein) erinnert zwar nicht an das eigentliche Ereignis, die Ermordung von   fast einhundert Talbewohnern, aber an die Tatsache, dass die Menschheit von 1572 bis heute nicht allzu viel hinzugelernt hat.

 

Hanns-Georg Salm, Gondenbrett

Die Lehrer von Karl Marx